Morgens ist es irgendwie immer dasselbe: Wir sind spät dran, die Kita geht gleich los, ich muss pünktlich am Laptop sitzen, doch die Schuhe sind noch nicht an den Füßen und es entsteht ein Riesendrama.
Dabei habe ich doch nur einen Satz gesagt. „Komm Schatz, wir müssen jetzt los!“. Plötzlich ist alles zu viel. Die Schuhe sind falsch. Die Socken sowieso. Das Kuscheltier muss natürlich mit und erst noch aus dem Bett geholt werden. Das Kind weint, schreit, liegt auf dem Boden und die Mama ist gestresst.
Warum passieren solche Situationen eigentlich immer genau dann, wenn ich es wirklich eilig habe?
Manchmal fühlt es sich fast so an, als hätte unser Kind einen geheimen Sensor dafür, wann wir unter Zeitdruck stehen. Als würde es genau in diesem Moment beschließen, nicht mehr mitzumachen. Natürlich wissen wir, dass das nicht so ist. Und trotzdem: Warum scheint gerade dann alles zu eskalieren?
Das Kind merkt sofort, dass Eltern gestresst sind
Dein Kleinkind kann vielleicht noch keine Uhr lesen. Es weiß möglicherweise nicht, dass du gleich zu einem Termin musst oder dass die Kita in wenigen Minuten schließt. Aber es merkt trotzdem, dass du es eilig hast.
Du bewegst dich schneller durch die Wohnung. Deine Stimme klingt angespannter. Du sagst plötzlich nicht nur einmal, sondern fünfmal hintereinander, dass ihr gleich losmüsst. Diese Unruhe bleibt Kindern nicht verborgen. Je größer unser eigener Stress wird, desto stärker kann ihn auch unser Kind spüren.
Während wir nur noch an unsere Uhr denken, merkt unser Kind vor allem: Hier ist plötzlich Druck. Alles muss schnell gehen. Für ein Kleinkind kann das schnell zu viel werden, denn kleine Kinder können ihre Gefühle noch nicht so steuern wie Erwachsene. Wenn sich pötzlich alles beschleunigt, sie ein Spiel abbrechen sollen oder das Gefühl haben, keine Zeit mehr zu bekommen, kann sie das regelrecht überfordern.
Und dann passiert genau das, was wir in diesem Moment am wenigsten gebrauchen können: der Wutanfall.
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Nein, dein Kind will dich nicht absichtlich ärgern
Diesen Satz muss ich mir in stressigen Situationen immer wieder sagen. Denn wenn ich spät dran bin und mein Kind plötzlich auf dem Boden liegt, weil die Socke angeblich falsch sitzt, fällt es mir nicht immer leicht, verständnisvoll zu bleiben. In meinem Kopf gibt es dann nur einen Gedanken: Wir müssen jetzt los!
Doch für mein Kind ist die Situation gerade eine ganz andere. Es denkt nicht: „Mama hat heute besonders viel Stress. Jetzt wäre der perfekte Moment für einen kompletten Zusammenbruch.“ Die Socke fühlt sich wirklich unangenehm an. Der Abschied vom Spielen fällt schwer. Vielleicht wollte es die Jacke selbst schließen und ich war einfach schneller, weil wir keine Zeit hatten.
Während ich gedanklich schon auf dem Weg zur Kita bin, steckt mein Kind noch mitten in dem Moment, den ich gerade so schnell wie möglich hinter mir lassen möchte. Und manchmal liegt genau darin der Konflikt.
Warum es gerade beim Losgehen so oft kracht
„Wir müssen los“ bedeutet für uns Erwachsene oft nur: Schuhe an, Jacke an, Tür zu. Für ein Kleinkind ist es viel mehr.
Es muss sein Spiel unterbrechen, sich von dem verabschieden, womit es gerade beschäftigt war, sich anziehen und in eine neue Situation wechseln. Und das alles bitte möglichst schnell.
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Gerade Übergänge können für kleine Kinder schwierig sein. Während wir Erwachsene im Alltag ständig von einer Aufgabe zur nächsten springen, brauchen Kleinkinder manchmal einfach etwas länger, um innerlich mitzuziehen. Wenn dann noch Zeitdruck dazukommt, prallen zwei Welten aufeinander. Unser Kind möchte Zeit. Wir haben keine.
Und schon aus einer Kleinigkeit kann ein riesiger Machtkampf werden.
„Ich will das alleine machen!“
Dazu kommt: Kleinkinder wollen plötzlich alles selbst machen. Sie möchten die Schuhe anziehen, den Reißverschluss schließen und natürlich auch alleine die Haustür aufmachen. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit, aber leider dauert Selbstständigkeit mit drei Jahren manchmal gefühlt eine Ewigkeit.
Solange wir Zeit haben, finden wir es vielleicht sogar süß. Wenn wir schon zu spät dran sind, sieht die Sache allerdings anders aus. Dann möchten wir am allerliebsten schnell helfen. Schuhe an, Jacke zu, Kind ins Auto – fertig. Unser Kind dagegen denkt: „Nein, ich mache das!“.
Und genau hier treffen zwei völlig unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander. Unser Kind möchte selbst bestimmen, wir möchten einfach nur schneller werden.
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Wenn es die Situation zulässt, können kleine Wahlmöglichkeiten helfen: „Willst du die roten oder die blauen Schuhe?“ Oder: „Möchtest du es zuerst alleine versuchen oder soll ich dir helfen?“ Dadurch wird nicht automatisch alles stressfrei. Aber manchmal nimmt es schon viel Druck aus der Situation, wenn Kinder das Gefühl haben, ein kleines Stück mitentscheiden zu dürfen.
Wir verlieren selbst die Geduld
Ich wäre gerne die Mutter, die in solchen Momenten immer ruhig bleibt. Die tief durchatmet, sich entspannt auf Augenhöhe begibt und geduldig sagt: „Ich sehe, dass du gerade große Gefühle hast.“
Aber ganz ehrlich? Ich schaffe das nicht immer. Manchmal werde ich lauter, als ich wollte. Manchmal werde ich ungeduldig. Und manchmal merke ich erst mitten im Streit, dass ich selbst längst genauso angespannt bin wie mein Kind. Das macht uns nicht zu schlechten Eltern.
Wir sind Menschen. Wir haben Termine, Verpflichtungen und Tage, an denen schon morgens alles gleichzeitig passiert. Nicht jeder Wutanfall lässt sich verhindern und nicht jeder Morgen endet mit einer harmonischen Umarmung an der Haustür.
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Ein kleiner Trick macht den Unterschied
Wie können wir dem Stress also entgehen? Es klingt fast zu einfach: Nicht erst losgehen, wenn ihr los müsst. Ein paar Minuten Puffer können Wunder wirken. Nicht, weil dein Kind dadurch plötzlich jeden Morgen ohne Diskussion in die Schuhe schlüpft. Sondern weil du selbst ruhiger bleibst, wenn auf dem Weg zur Tür noch einmal das Kuscheltier gesucht werden muss.
Und auch kleine Übergangsrituale können helfen. Vielleicht gibt es vor dem Losgehen noch eine kurze Umarmung. Vielleicht verabschiedet ihr euch gemeinsam vom Spielzeug. Oder ihr hört auf dem Weg zur Kita immer dasselbe Lied. Denn manchmal müssen Kinder nicht schneller werden. Sie müssen einfach nur ein bisschen besser auf den nächsten Moment vorbereitet werden.
Kinder sind nicht das Problem, sondern der Stress
Natürlich bekommen Kleinkinder auch an völlig entspannten Tagen Wutanfälle. Aber wenn wir es eilig haben, kommt oft alles zusammen: unser eigener Stress, die Unruhe des Kindes, sein Wunsch nach Selbstständigkeit und ein Übergang, den es gerade noch nicht möchte. Dann reicht eine falsch geschälte Banane für den kompletten Zusammenbruch.
Vielleicht hilft beim nächsten Wutanfall deshalb dieser Gedanke: Dein Kind macht dir nicht absichtlich das Leben schwer. Es hat gerade selbst Schwierigkeiten mit dem Moment.
Das bedeutet natürlich nicht, dass du jetzt jeden Termin absagen und zwanzig Minuten über die richtige Socke diskutieren musst. Grenzen dürfen bleiben. Irgendwann müsst ihr schließlich los. Aber vielleicht müssen wir nicht jeden Wutanfall als persönlichen Angriff sehen. Manchmal ist ein Kind, das genau dann ausflippt, wenn wir es eilig haben, eben einfach nur ein Kind, das mit seinen Gefühlen noch nicht so gut umgehen kann wie wir.
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