Wie gut kannst du dich an deine Kindheit, Schulzeit oder auch an Urlaube von vor fünf oder sieben Jahren erinnern? Während einige Menschen gar keine Probleme haben, detailliert über längst Vergangenes zu sprechen, habe ich oft lückenhafte Erinnerungen. Manchmal verschwinden ganze Jahre. Aber warum bleiben uns manche Lebensabschnitte glasklar in Erinnerung, während andere wie ausgelöscht sind?
Die amerikanische Autorin und Podcasterin Mel Robbins spricht in einem kurzen Clip auf TikTok darüber und erklärt einen Zusammenhang zwischen Erinnerung und unserem Nervensystem. Vereinfacht gesagt: Befindet sich der Körper über längere Zeit im sogenannten Überlebensmodus, kann das Auswirkungen darauf haben, wie Erinnerungen gespeichert werden.
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Ganz so einfach, wie es in einem solchen Clip in Kürze dargestellt wird, ist die Sache allerdings nicht. Die Forschung zeigt da ein weitaus differenzierteres Bild. Für Eltern ist das Thema aber trotzdem interessant, denn es betrifft nicht nur die eigene Vergangenheit, sondern auch die Entwicklung von Kindern.
Erinnerungen sind keine Videos
Ich habe mir Erinnerungen immer ein bisschen wie gespeicherte Videos auf einer Festplatte vorgestellt. Es passiert etwas, das Gehirn speichert es ab und gibt es wieder, wenn ich es brauche. Das Gedächtnis funktioniert aber komplexer.
Damit Erinnerungen langfristig gespeichert werden können, müssen verschiedene Gehirnregionen zusammenarbeiten. Und das Gehirn braucht ausreichend Kapazität. Es muss Informationen aufnehmen, bewerten, mit bereits vorhandenen Erfahrungen verknüpfen und abspeichern.
Steht der Körper unter starkem Stress, gelingt ihm dieser komplexe Prozess nicht. Dann setzt das Gehirn andere Prioritäten.
Der Überlebensmodus
In besonders stressigen oder emotional aufwühlenden Phasen schalten wir in den sogenannten Überlebensmodus. Wir erledigen, was unbedingt erledigt werden muss, ohne groß über die Dinge nachzudenken. Wir funktionieren. Das klappt, weil unser Nervensystem den Stress als Bedrohung ansieht und eine Art Schutzmechanismus aktiviert.
Dann schüttet der Körper Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus. Der Herzschlag steigt an und unsere Aufmerksamkeit ist geschärft, um die unmittelbare ‚Bedrohung‘ zu bewältigen. Dabei sind wir so sehr mit uns beschäftigt, dass wir die Umgebung ausblenden.
Bei kurzfristigem Stress ist das kein Problem. Schwieriger wird es jedoch, wenn Belastungen über Wochen, Monate oder sogar Jahre anhalten.
Chronischer Stress verändert unsere Erinnerungen
Anhaltender Stress lässt uns Einzelheiten vergessen. Statt bildlicher Erinnerungen bleiben uns aus dieser Zeit eher Gefühle, Stimmungen oder diffuse Eindrücke. Beispielsweise aus der Baby- und Kleinkindzeit. Über Jahre funktionieren viele Eltern nur. Sie schlafen zu wenig, werden mehrmals nachts geweckt, organisieren, arbeiten, koordinieren. Und genau deshalb erinnert man sich nur bruchstückhaft an diese Zeit.
Ganz verschwunden sind Erinnerungen aus dieser Lebensphase nicht. Sie sind nur einfach nicht so detailliert abgespeichert wie Erlebnisse aus ruhigeren Phasen.
Traumatische Erlebnisse bleiben präsent
Obwohl Stress unsere Erinnerungen verschwimmen lässt, bleiben kurzfristige, traumatische Erlebnisse uns sehr präsent in Erinnerung. Was nach einem Widerspruch klingt, denn ein traumatisches Erlebnis ist immer mit Stress verbunden, erklärt die Wissenschaft damit, dass es verschiedene Formen von Stress gibt. Ein einzelnes dramatisches Ereignis prägt sich tief ein, denn das Gehirn markiert es als etwas besonderes.
Chronischer Stress wirkt anders auf unser Gehirn. Das Nervensystem befindet sich in einem andauernden Alarmzustand und lässt Alltagserlebnisse und Zusammenhänge verschwimmen.
Was hat das mit Kindern zu tun?
Sowohl das Gehirn als auch das Nervensystem von Kindern entwickelt sich noch. Sie sind also besonders darauf angewiesen, dass Erwachsene ihnen Sicherheit vermitteln. Stress in kurzen Phasen oder zu bestimmten Ereignissen ist deshalb nicht schädlich für Kinder. Größere und kleiner Herausforderungen gehören zum Leben.
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Problematisch kann es aber werden, wenn Kinder über lange Zeit überfordert und unsicher sind oder emotional überfordert werden. Dann will auch ihr Nervensystem sie schützen und Sicherheit herstellen. Was dazu führen kann, dass diese Kinder Schwierigkeiten haben, zu lernen, sich zu konzentrieren oder Erlebtes einzuordnen.
Die eigene Kindheit
Erinnerungen verblassen grundsätzlich mit der Zeit. Und jeder Einzelne erinnert sich an unterschiedliche Lebensphasen unterschiedlich stark. Wer aber in der eigenen Kindheit dauerhaft unter großem Stress stand, leidet häufiger unter Erinnerungslücken oder kann sich an ganze Jahre nur sehr bruchstückhaft erinnern.
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Psycholog*innen vermuten, dass das menschliche Gehirn in solchen Phasen einfach mehr mit der Bewältigung beschäftigt war als mit der Speicherung von Erlebnissen.
Aber Achtung: Nicht jede Erinnerungslücke ist automatisch auf Stress oder ein Trauma zurückzuführen.
Warum Eltern auch auf sich achten müssen
Viele Eltern leben über eine lange Zeit mit zu wenig Schlaf, beruflichem Druck, der Organisation der Familie oder Zukunftsängsten. Von außen wirkt das oft normal, schließlich geht es vielen Familien so. Für das Nervensystem ist es das aber nicht.
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Wer ständig und über lange Zeit nur funktioniert, erlebt sein Leben weniger bewusst. Deshalb fliegen besonders die Baby- und Kleinkindjahre so schnell an einem vorbei und hinterlassen verschwommene Erinnerungen.
Weniger perfekte Familienmomente, spontane Ausflüge oder witzige Missgeschicke hingegen weichen von unserem Alltag ab. Sie schaffen Entspannung, lassen uns glücklich, verbunden und sicher fühlen und bleiben deshalb viel deutlicher in Erinnerung.
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Es wäre zu einfach, zu sagen, dass allein die Reduktion von Stress uns hilft, mehr und intensiver zu leben und uns und unseren Kindern bessere Erinnerungen zu schaffen. In der Realität gehört Stress leider immer wieder zum Familienalltag. Trotzdem können wir darauf achten, mehr Phasen von Sicherheit, Ruhe und emotionaler Sicherheit in unseren Tagen zu fördern. Für uns selbst und unsere Kinder.
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