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Was wir als Kinder über unsere Eltern viel zu spät verstehen

Drei Generationen, Oma, Mutter, Enkel.
© Getty Images/ Oliver Rossi

Vorab im Video: Daran erkennst du, dass sich dein Kind sicher und geborgen fühlt

Irgendwann kommt der Moment, in dem wir erkennen: Unsere Eltern hatten auf vieles selbst keine Antwort. Warum genau diese Erkenntnis den Blick auf die eigene Kindheit verändern kann.

Niemand von uns hat das Leben vorher geübt. Nicht die erste Liebe, den ersten Job, das Älterwerden oder den Moment, in dem das eigene Kind plötzlich viel größer wirkt als gestern. Aber wir tun oft so, als gäbe es Menschen, die genau wissen, wie das alles geht. Dabei improvisieren wir doch alle. Besonders, wenn wir Eltern werden.

Diese Gedanken hatte ich letztens, am 16. Geburtstag meines Sohnes. Er hat aus mir eine Mutter gemacht. Aus meinem Mann einen Vater. Aus unseren Eltern Großeltern und aus unseren Geschwistern Tanten und Onkel. Menschen, die wir und sie vohrer nicht waren, aber ‚plötzlich‘ sein mussten. Und das alles ohne Anleitung.

Auch unsere Eltern hatten keine Ahnung

Als Kinder denken wir oft, unsere Eltern seien einfach die Erwachsenen. Fertige Menschen, die Antworten auf alles haben. Aber später, wenn man selbst älter wird, merkt man, dass sie damals vermutlich genauso unsicher waren wie wir heute.

Unsere Eltern wurden nicht als Eltern geboren. Sie wurden es erst, als wir geboren wurden. Sie mussten Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, welche Folgen sie Jahre später haben würden. Manche Entscheidungen waren gut, manche nicht. Manche haben uns geprägt und manche verletzt. Aber vieles entstand nicht aus böser Absicht und gewiss nicht aus völliger Überzeugung, sondern aus dem Versuch, in einer bestimmten Situation das Richtige zu tun.

Und das macht vielleicht nicht alles gut, aber es verändert den Blick. Denn es macht die eigenen allwissenden Eltern zu Menschen mit einer eigenen Geschichte, eigenen Ängsten und eigenen ersten Malen.

Wir erwarten von Erwachsenen Unmögliches

Doch genau diese ersten Male gestehen wir uns im ‚Erwachsenenalter‘ gar nicht mehr zu. Wer in Situationen unsicher wirkt, zweifelt, Fehler macht oder nicht sofort weiß, wie etwas funktioniert, gilt schnell als unvorbereitet oder überfordert.

Dabei lernen wir im Erwachsenenalter doch auch noch jeden Tag dazu: wie man eine Beziehung führt, ein Kind begleitet, mit Krankheiten umgeht, Abschiede aushält und älter wird. Warum tun wir also so, als müssten Menschen all das automatisch können?

Vielleicht, weil wir glauben (gemacht wurden), dass wir irgendwann einfach erwachsen und endlich angekommen sind und damit wissen, wie das Leben funktioniert. Aber viel wahrscheinlicher ist, dass es diesen Moment nie geben wird.

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Das ganze Leben ist ein erstes Mal

Denn das ganze Leben besteht aus ersten Malen. Nicht nur für Eltern, sondern für alle Menschen. Jeder erlebt genau eine Kindheit und eine Jugend. Jeder verliebt sich nur einmal zum ersten Mal, muss einmal den ersten Verlust ertragen und nur ein erstes Mal wirklich Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen.

Selbst das Älterwerden passiert zum ersten Mal. Niemand weiß mit 40 wie sich mit 60 anfühlt. Niemand hat vorher ausprobieren können, wie es ist, wenn Kinder ausziehen oder Eltern sterben.

Was beängstigend klingt, aber auch etwas Tröstliches hat.

Niemand hat einen Plan

Denn wir alle leben dieses Leben zum ersten Mal. Wir machen Fehler, aber das heißt nicht, dass wir ungeeignet sind. Wir sind unsicher, aber deshalb lieben wir unsere Kinder trotzdem bedingungslos. Wir sind nicht perfekt, aber verlässlich und bereit, weiter zu lernen und zu wachsen.

Erwachsensein und Elternsein besteht nicht darin, alles zu wissen, sondern darin, zu akzeptieren, dass absolut niemand einen perfekten Plan hat. Wir geben Erfahrungen weiter und begleiten einander durchs Leben, ohne zu wissen, wohin uns der Weg wirklich führt.

Unsicherheit ist also kein Zeichen dafür, dass wir versagen. Sie ist ein Zeichen dafür, dass wir etwas zum ersten Mal erleben. Genau wie jeder andere Mensch vor uns und nach uns. Wenn du also das nächste Mal unsicher bist, halte einfach inne und mach dir bewusst, dass niemand dieses Leben vorher geübt hat und das du die Dinge vielleicht viel besser machst, als du gerade glaubst.

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