Irgendwann kommt bei allen Eltern der Moment, in dem die Milch alleine nicht mehr reicht. Das Baby schaut neugierig auf den Teller, greift nach dem Essen der Großen und plötzlich steht die Frage im Raum: Wie startet man eigentlich mit Beikost?
Während viele Familien klassisch mit Brei beginnen, entscheiden sich andere für einen alternativen Weg: Baby led weaning (BLW). Dabei isst das Baby von Anfang an selbstständig – ohne Löffel, ohne Brei, dafür mit viel Eigeninitiative.
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Doch ist das wirklich sinnvoll? Für alle Babys geeignet? Und worauf sollten Eltern achten? Hier findest du einen sachlichen, verständlichen Überblick, der dir hilft, eine informierte Entscheidung zu treffen.
Was ist Baby led weaning?
Baby led weaning bedeutet übersetzt so viel wie ‚babygeführte Beikost‘. Und der Name ist Programm: Nicht die Eltern bestimmen, wann und wie viel gegessen wird, sondern das Baby selbst.
Statt gefüttert zu werden, bekommt das Kind geeignete Lebensmittel in die Hand und entscheidet:
- ob es essen möchte
- was es isst
- wie viel (davon) es isst
Pürierter Brei spielt dabei keine Rolle. Gegessen wird überwiegend Fingerfood, idealerweise gemeinsam am Familientisch.
Wichtig: Auch beim BLW bleibt Muttermilch bzw. Säuglingsnahrung zunächst die Hauptnahrungsquelle.
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Woher kommt Baby led weaning?
Die Idee ist keineswegs neu. In vielen Kulturen gab es nie klassische Babybreie. Kinder aßen einfach das, was die Familie aß, angepasst an ihre Fähigkeiten.
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Bekannt wurde BLW vor allem durch die britische Hebamme Dr. Gill Rapley, die das Konzept wissenschaftlich begleitete und 2010 erstmals umfassend beschrieb. Ihr Ansatz: Kinder entwickeln ein besseres Gespür für Hunger, Sättigung und Essen, wenn sie von Anfang an selbstständig essen dürfen.
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Ab wann ist BLW möglich?
Der Zeitpunkt richtet sich in erster Linie nicht nach dem Kalender, sondern nach der Entwicklung des Kindes. In der Regel ist das um den 6. Lebensmonat herum der Fall:
Wichtige Voraussetzungen:
- dein Baby kann mit Unterstützung aufrecht sitzen
- es hält den Kopf sicher
- es greift gezielt nach Gegenständen
- es führt Essen selbstständig zum Mund
- es zeigt deutliches Interesse am Essen anderer
Fehlt eine dieser Voraussetzungen, sollte mit BLW noch gewartet werden. Ein ‚Zwangsstart‘ widerspricht dem Grundgedanken der Methode.
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Wie funktioniert BLW im Alltag?
Beim BLW sitzt dein Baby mit am Tisch, entweder in einem Hochstuhl oder auf deinem Schoß. Du bietest ihm geeignete Lebensmittel an, das Kind entscheidet selbst, was damit passiert.
Gerade zu Beginn steht also weniger die Nahrungsaufnahme, sondern das Erleben im Vordergrund:
- fühlen
- zerdrücken
- lutschen
- probieren
- wieder ausspucken
Das ist alles normal und gewollt. Das Stillen oder die Flasche bleiben weiterhin wichtig, um die Nährstoffversorgung sicher zu stellen.
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Verschlucken oder Würgen – ein häufiges Thema
Einer der größten Kritikpunkte an BLW ist die Angst vor dem Verschlucken. Dabei ist eine genaue Unterscheidung wichtig:
- Würgen (Würgereflex): ist ein Schutzmechanismus und als solcher völlig normal
- Verschlucken: ist selten und tritt laut Studien nicht häufiger auf als bei Breikost
Entscheidend ist:
- geeignete Lebensmittel
- passende Konsistenz
- ständige Aufsicht
- ruhige Atmosphäre beim Essen
Ein Erste-Hilfe-Kurs für Babys gibt Eltern zusätzliche Sicherheit, unabhängig von der Beikostform.
Geeignete Nahrung für Baby led weaning?
Lebensmittel sollten:
- weich genug sein, um sie mit Zunge und Gaumen zerdrücken zu können
- groß genug sein, um gut gegriffen werden zu können
- ungewürzt und ungesalzen sein
Geeignet sind zum Beispiel:
- gedünstetes oder gebackenes Gemüse wie Brokkoli, Karotten, Kohlrabi, Kürbis, Kartoffel, Süßkartoffel
- Avocado
- weiches Obst (z.B. Bananen, Birnen, Mangos)
- Brot ohne harte Kruste oder Reiswaffeln
- gekochte, weiche Nudeln
- festere Käsesorten in großen Stücken, z.B. Emmentaler
Faustregel: Passt das Lebensmittel gut in die Faust, ist es meist geeignet.
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Welche Lebensmittel sind beim BLW tabu?
Unabhängig von der Beikostform gelten bei der Ernährung von Babys klare No-Gos:
- Honig
- ganze Nüsse
- harte Rohkost
- roher Fisch, rohes Ei
- Rohmilchprodukte
- stark gesalzene, gezuckerte oder gewürzte Speisen
- Fast Food
Auch wenn das Baby bereits erste Zähnchen hat, bleibt Vorsicht geboten. Abgebissene, harte Stückchen können schnell gefährlich werden.
Vorteile von Baby led weaning
Befürworter nennen vor allem diese Punkte:
- Kinder lernen früh unterschiedliche Geschmäcker und Texturen kennen.
- Essen wird positiv erlebt, nicht erzwungen.
- Förderung von Selbstvertrauen und Selbstständigkeit.
- Es fördert die Augen-Hand- bzw. Hand-Mund-Koordination.
- Entwicklung eines natürlichen Sättigungsgefühls.
- Kein extra Kochen von Brei nötig.
Viele Eltern berichten, dass viele Mahlzeiten mit der BLW Methode entspannter verlaufen.
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Mögliche Nachteile & Kritikpunkte
Fachleute äußern auch berechtigte Bedenken:
- Es ist schwer einschätzbar, wie viel ein Baby gegessen hat.
- Es besteht das Risiko einer unzureichenden Eisen- und Energiezufuhr.
- Es ist eine längere Still- oder Flaschenphase nötig.
- Es ist ein höheres Maß an Aufmerksamkeit beim Essen nötig.
- Es entsteht deutlich mehr Unordnung.
Kinderärztinnen und Kinderärzte betonen deshalb, dass BLW nur funktioniert, wenn Eltern sich gut informieren und die Ernährung bewusst begleiten.
BLW oder Brei – eine Entweder-oder-Frage?
Nein. Viele Familien entscheiden sich heute für einen Mittelweg: Breikost und selbstständiges Essen. Beides darf nebeneinander existieren.
Wichtig ist nicht die Methode, sondern das Kind, seine Entwicklung und eine sichere, nährstoffreiche Ernährung.
Baby led weaning kann also ein schöner, sinnvoller Weg sein, wenn das Kind bereit ist und Eltern sich gut vorbereiten. Es ist aber kein Muss und auch kein Garant für problemloses Essverhalten.
Wichtiger Hinweis: Der Inhalt dieses Artikels dient lediglich der Information. Treten Unsicherheiten, dringende Fragen oder Beschwerden auf, solltet ihr eure Kinderärztin oder euren Kinderarzt kontaktieren.
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