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Weihnachtsgeschenke: Warum es gut ist, wenn Kinder nicht alles bekommen, was sie sich gewünscht haben

© Getty Images/ Yulia Grossman

Vorab im Video: Geschenke statt Zeit – was das mit Kindern macht

Warum Eltern nicht jeden Weihnachtswunsch wahr werden lassen sollten und ein bisschen Geschenkefrust Kinder sogar stärkt.

Die Weihnachtszeit hat ihre ganz eigene Magie. Lichterketten flackern in Fenstern, der Duft von Glühwein, Lebkuchen und gebrannten Mandeln liegt in der Luft und die kindlichen Wunschzettel bis zum Fest werden täglich um ein, zwei Wünsche länger.

Und genau darin liegt auch eine unbequeme Wahrheit, die wir gern wegschieben möchten: Weihnachten ist Konsum, und die großen und kleinen Wünsche unserer Kinder verwandeln sich schnell in eine riesige Erwartungshaltung.

Damit die lieben Kleinen aber nicht im Konsum ertrinken, müssen sie lernen, dass ein Wunsch kein Garant für das Geschenk unterm Baum ist. Und dann können auch schon mal ein paar Tränen an Heiligabend fließen.

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Anstatt die Tränen möglichst schnell wegzuwischen oder mit einem zusätzlichen Geschenk zu ‚reparieren‘, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn Kinder lernen in diesem Moment etwas Wertvolles: mit unerfüllten Wünschen umzugehen. Weihnachten ist gewissermaßen ein gutes Training, Frustration aushalten zu lernen.

Warum es für Kinder lebenswichtig ist, nicht alles zu bekommen

Die Fähigkeit, einen Wunsch auszuhalten, ohne dass er sofort erfüllt wird, gehört zu den wichtigsten Kompetenzen in der emotionalen Entwicklung. Die sogenannte Frustrationstoleranz benennt die Fähigkeit, mit Enttäuschung, Verzicht und Verzögerung umzugehen, ohne emotional zusammenzubrechen oder aggressiv zu reagieren.

Und diese Fähigkeit entsteht nicht von allein. Sie entwickelt sich in kleinen, alltäglichen Situationen, wenn z. B. das Eis nicht gekauft wird, wenn nach einer Folge der Lieblingsserie keine zweite angemacht wird oder eben, wenn unterm Weihnachtsbaum nicht alles liegt, was auf dem Wunschzettel stand.

Studien zeigen immer wieder, dass Kinder, die lernen, auf etwas zu warten und Enttäuschungen zu regulieren, langfristig bessere Chancen auf stabile Beziehungen, höhere Selbstkontrolle, mehr Durchhaltevermögen und bessere Bewältigungsstrategien bei Stress haben.

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„Aber ich wünsch mir das doch so sehr.“

Eltern, denen das Herz bei diesem Satz nicht schwer wird, gibt es vermutlich kaum. Und genau hier liegt der ‚Trick‘. Kinder wünschen nicht strategisch, sie wünschen emotional. Der Wunsch steht für Hoffnung, Fantasie, vielleicht Zugehörigkeit und oft für Anerkennung.

Deshalb trifft Kinder ein unerfüllter Wunsch auch tiefer, als wir Eltern vermuten. Und trotzdem, oder gerade deshalb, ist es wichtig, diesen Moment nicht zu vermeiden oder herunterzuspielen.

Versuchen Eltern, jede Enttäuschung sofort auszugleichen, entsteht eine tückische Situation: Das Kind lernt, unangenehme Gefühle müssen vermieden werden. Doch sie sind ein natürlicher Teil des Lebens. Kinder sollten lernen, dass sie traurig, enttäuscht oder frustriert sein dürfen, ohne dass jemand sie aus diesen Gefühlen ‚rettet‘. Nur so lernen sie emotionale Stabilität.

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Eltern und das schlechte Gewissen

Wir neigen dazu, die Weihnachtszeit besonders zu romantisieren und sie deshalb besonders perfekt machen zu wollen. Für die Kinder soll alles magisch sein. Sie sollen sich besonders geliebt, glücklich und erfüllt fühlen können. Und bloß nicht enttäuscht werden. Das Portemonnaie geht dieser Tage bei vielen deshalb besonders leicht auf.

Aber wir vergessen, dass Liebe nichts mit der Anzahl der Geschenke zu tun hat, sondern dass sie im Zwischenmenschlichen steckt. In unserer Zeit füreinander, in der Nähe und der Aufmerksamkeit, die wir uns schenken.

Wer aus Angst vor Enttäuschung einfach noch mehr Geschenke kauft, macht seinem Kind das Leben nicht besser, sondern im Zweifel schwerer. Denn, je mehr Geschenke ein Kind bekommt, umso schneller verliert jedes einzelne an Wert.

Ist es selbstverständlich, dass jeder Weihnachtswunsch erfüllt wird, gibt es keinen Raum für Wertschätzung. Und ein Kind, das nie ein ‚Nein‘ hört, wird nur schwer mit Enttäuschungen umgehen können.

Weihnachten ist doch nur einmal im Jahr

Und ja, Weihnachten ist nur einmal im Jahr. Aber genau deshalb sind klare Grenzen an diesem Tag besonders wichtig. Es geht nicht darum, ein Kind bewusst zu enttäuschen oder ihm absichtlich einen großen Wunsch zu verwehren. Es geht darum, eine gesunde und realistische Haltung zu vermitteln. Wünsche sind erlaubt. Aber sie sind keine Bestellung.

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Manche Kinder reagieren auf einen unerfüllten Wunsch sehr heftig. Das ist aber kein Zeichen von schlechter Erziehung oder schlechtem Benehmen, sondern von fehlender Übung im Umgang mit Frust. Und eine Chance, dem Kind zu helfen, genau das zu lernen.

Es ist sicher keine angenehme Situation, weder für das Kind, noch für die Eltern. Aber es ist wichtig, dass diese negativen Gefühle sein dürfen. Sie brauchen keine Ablenkung und keine schnelle Lösung. Niemand geht daran kaputt. Mama und Papa bleiben da. Die Welt dreht sich weiter.

Und wenn wir ganz ehrlich sind: Wir erinnern uns später nicht mehr an jedes Geschenk, das wir bekommen haben. Aber wir erinnern uns an Gefühle, an Stimmung und Nähe. Und auch an Enttäuschungen und wie wir gelernt haben, mit ihnen umzugehen.

Vielleicht wird (d)ein Kind also an diesem Weihnachtsabend für einen Moment enttäuscht sein. Vielleicht sogar wütend. Vielleicht fragt es auch, warum es nicht mehr bekommen hat. Aber was im Stillen wächst, ist viel größer als ein weiteres Spielzeug: innere Stärke. Und die wird es ein Leben lang brauchen.

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