Inhaltsverzeichnis
- Eine schwere Diagnose verändert die Menschen
- Wie kann eine Beziehung eine derartige Probe überstehen?
- Sich klar machen: Beide sind betroffen
- Kommunikation ist unerlässlich – die, die stattfindet und die, die auch mal schweigt
- Die Veränderung gemeinsam begreifen
- Den neuen Alltag gemeinsam gestalten
- Neue Rollenverteilung, Ungleichgewicht ansprechen
- 5 Tipps für schwierige Gespräche
- Nehmt Hilfe von außen in Anspruch
Die Ehe von Patrice und Daniel Aminati wirkte nach außen hin glücklich und stabil. Regelmäßig zeigten sie auf Social Media und bei öffentlichen Auftritten, wie sie den Kampf gegen den Krebs als Team bestritten. Das Paar galt vielen Betroffenen und ihren Angehörigen als Vorbild.
Nun haben die beiden überraschend ihre Trennung verkündet und es bleibt die Frage zurück: Wie kann eine Beziehung eine schwere Diagnose und die Belastungen, die sie mit sich bringt, überhaupt überstehen?
Wie geht man als Paar am besten damit um, wenn das Leben von heute auf morgen auf den Kopf gestellt wird? Wenn plötzlich Sorgen, Ängste und Arzttermine den Takt im Alltag vorgeben?
Eine schwere Diagnose verändert die Menschen
„Die ganzen kräftezehrenden Therapien, starken Medikationen, Gehirnbestrahlungen, die Todesängste, die haben bei meiner Frau Spuren hinterlassen“, schreibt Daniel Aminati in einem Post auf Instagram über die schweren Monate der Krebstherapie seiner Frau. Das alles hat Spuren hinterlassen – und das, obwohl beide gemeinsam durch die schwere Zeit gegangen sind und gemeinsam diese Hürde gemeistert haben.
Dass eine Beziehung angesichts eines solchen Schicksalsschlags scheitert, sollte nicht als Versagen gewertet werden. Denn auch, wenn man angesichts einer Belastungsprobe zueinander gestanden hat und alles Erdenkliche versucht hat, um die Beziehung zu halten – eine solche Diagnose und alles, was sie mit sich bringt, verändert die Betroffenen und ihr Umfeld.
Wie kann eine Beziehung eine derartige Probe überstehen?
Fakt ist: Eine chronische oder schwere Krankheit ist eine immense Herausforderung für beide Partner*innen in einer Beziehung oder Ehe. Gerade in diesen schweren Zeiten, die man gemeinsam durchstehen möchte, ist es wichtig, sich noch einmal neu aufeinander einzustellen. Nur so kann die Beziehung die kräftezehrende Zeit überdauern, sich mit verändern und so an den Herausforderungen wachsen.
Expert*innen geben klare Handlungsempfehlungen für Paare, die mit einer schwerwiegenden Diagnose konfrontiert werden:
Sich klar machen: Beide sind betroffen
Neben den großen Sorgen um die Gesundheit und womöglich auch die Lebensprognose, kommt ein völlig veränderter Alltag. Und das ist ein Fakt, der das Leben beider Partner*innen gleichermaßen verändert.
Es gibt den Begriff der Co-Abhängigkeit in Verbindung mit Suchterkrankungen: Die Krankheit des einen betrifft auch den anderen und verändert sein Leben grundlegend. Das betrifft auch schwere Diagnosen.
Deshalb ist ein wichtiger Schritt, den beide Partner*innen gehen müssen, der, dass anerkannt wird, dass es nicht nur eine kranke Person gibt und eine gesunde, die Beistand und Kraft in der Situation schenken kann. Sondern dass eben auch die gesunde Person mitleidet und Kraft und Zuversicht braucht.
Beiden sollte deshalb klar sein, dass nicht nur einer geben kann, sondern dass es auch weiterhin ein Geben und Nehmen sein muss – wenngleich mit anders verteilten Kräften natürlich. Aber auch der Gesunde kann nicht nur Stütze sein, sondern muss Raum bekommen, über seine Gefühle und Ängste zu sprechen.
Kommunikation ist unerlässlich – die, die stattfindet und die, die auch mal schweigt
Durch eine schwere Erkrankung ändert sich sehr vieles: Sprach man vorher über die gemeinsamen Pläne für die Zukunft, so entsteht dort jetzt eine große Unsicherheit. Wie wird es beiden in der nahen und weiteren Zukunft gehen? Wird die Erkrankung besiegt werden können oder zumindest eine neue Art von Alltag und Normalität zulassen?
Hier müssen beide sensibel schauen, wie sie mit diesem Thema umgehen. Oft ist es der mittlere Weg: Offen kommunizieren, ja, aber auch mal schweigen, wenn es nötig ist. Will heißen: Die gemeinsame Zukunft sollte nicht totgeschwiegen werden.
Vielmehr sollten beide versuchen, sich ihre bisherigen Träume zu weit möglich zu erhalten, aber sie erstmal auf eine fernere Zukunft verlegen. Und so den Schmerz bewusst auslagern.
Im Hier und Jetzt zählt es zunächst, dass die erkrankte Person wieder Boden unter die Füße bekommt, die richtige Betreuung, die richtigen Ärzt*innen und die richtige Therapie.
Die Veränderung gemeinsam begreifen
Ist einer von beiden plötzlich schwer krank, dreht sich vieles um Arzttermine, Medikamente und um die ungewohnten Einschränkungen, die jetzt den Alltag erschweren. Auch hier ist Kommunikation wichtig, damit es nicht zu Missverständnissen, Verletzungen und Entfremdung kommt.
Nicht selten verändert sich die Person, die eine schwere Erkrankung durchmachen muss. Ihre Lebensrealität, Hoffnungen und Sorgen sind plötzlich in einer ganz anderen Dimension. Den Partner oder die Partnerin hier nicht zurückzulassen, sondern ihn an der neuen Gedankenwelt teilhaben zu lassen, ist wichtig. Sonst bleibt der andere mit seinen Sorgen allein zurück.
Den neuen Alltag gemeinsam gestalten
Eine chronische oder schwere Krankheit verändert nicht nur für die Betroffenen das komplette Leben, sondern auch die Partner*innen. Fehlende Kraft und Energie, ständige Müdigkeit und Schmerzen, dazu körperliche Einschränkungen – all das hindert den Erkrankten oder die Erkrankte jetzt daran, Teil der früheren Aktivitäten sein zu können. Dinge, die früher selbstverständlich waren, sei es gemeinsam Essen zu gehen oder Freunde zu besuchen, sind plötzlich riesige Herausforderungen.
Hier neu abzustecken, was jetzt noch möglich ist und sich auf kleinerem Niveau dennoch Auszeiten und wertvolle Zeit gemeinsam aufzubauen, ist wichtig für die Partnerschaft.
Genau so wichtig: Oftmals ist der pflegende, umsorgende Part irgendwann am Ende seiner körperlichen und psychischen Kraft angelangt, ohne sich das einzugestehen. Denn natürlich steht die Erkrankung des anderen im Fokus. Umso wichtiger auch hier Zeiten des Kraftschöpfens und des Auftankens einzubauen. Auch der oder die Kümmernde muss sich immer wieder Auszeiten und Me-Time gönnen dürfen.
Neue Rollenverteilung, Ungleichgewicht ansprechen
Die veränderte Situation und vor allem die veränderte Rollenverteilung mit einem Ungleichgewicht von Kraft, von Geben und Nehmen, kann nur durch eine gute Kommunikation darüber gemeistert werden kann.
Die erkrankte Person hat möglicherweise das Gefühl zur Last zu fallen, hilflos zu sein und den anderen zu sehr zu belasten. Und auf der anderen Seite gibt es die Sorgen des Gesunden, der womöglich ein schlechtes Gewissen hat, wenn er sich auch mal rauszieht und auch noch mal unbeschwert Zeit allein verbringen möchte, statt sich nur noch zu kümmern.
Diese neuen Rollen, Gefühle und Ängste können leicht zu Spannungen und Missverständnissen in der Beziehung führen. Genau hier sollte offen kommuniziert werden, um gemeinsam einen neuen, für beide tragfähigen Weg zu finden.
5 Tipps für schwierige Gespräche
Oftmals haben Paare bereits eine gute Streitkultur und eine gute Kommunikation miteinander. Was also sollen sie noch groß tun, wenn plötzlich eine Krankheit die Beziehung überschattet? Wo noch großartig Stellschrauben drehen, wo doch schon alles in der Paarkommunikation gut war?
Hier ein paar wichtige Punkte für Paare. Denn ja, die Kommunikation in der Beziehung muss sich angesichts der schweren Situation noch mal neu fokussieren:
- Offene und ehrliche Gespräche: Denkt nicht, dass ihr den anderen mit euren Gefühlen belastet. Seid ehrlich und redet auch über eure Schwächen. Die Ehrlichkeit einander gegenüber kann nicht nur Missverständnisse vermeiden, sondern eure Verbindung letztlich sogar stärken.
- Wirklich zuhören: Das ist gar nicht so einfach, wie man denken mag. Denn genau diese Fähigkeit geht vielen Paaren mit der Zeit verloren. Hier solltet ihr noch mal genau darauf achten, ob ihr wirklich zuhört und auf das Gesagte eingeht. Auch wichtig: Einfach da sein, ohne direkt Lösungen zu präsentieren oder zu sagen, dass alle gut wird. Manchmal reicht es wirklich, einfach präsent zu sein und zuzuhören.
- Nähe zeigen, wenn Worte fehlen: Liebe ist mehr als Worte und Taten. Manchmal sind es auch kleine Gesten, die euch in der schweren Situation Kraft schenken können. Sei es ein Lächeln, eine liebe Geste oder kleine Berührung im Alltag. Man muss nicht immer Worte finden, wenn es schwerfällt. Dann drückt euch mit kleinen Gesten aus, um einander zu zeigen: Ich bin da für dich.
- Das richtige Timing für ein offenes Gespräch ist wichtiger als man denkt. Gerade jetzt, wo so vieles von außen auf die Beziehung einstürzt. Nehmt euch bewusst Zeit für einen Austausch, wie es euch geht. Findet Rituale und neue gemeinsame Routinen. Sei es, dass ihr euch jeden Abend vor dem Schlafengehen kurz fragt, wie der Tag war oder dass ihr jeden Sonntag bei einem gemeinsamen Frühstück darüber sprecht, wie es beiden aktuell geht, und welche Fragen ihr an einander habt.
- Vermeidet Vorwürfe: Das funktioniert meist am besten, wenn man in Ich-Botschaften spricht. „Mir geht es gerade nicht gut, weil ich empfinde X und Y als belastend.“ Mit Anklagen wie „Du machst immer…“ kommt man in eine schlechte Kommunikation. Klar, darf es auch mal darum gehen, dass man seiner Angst und den angestauten Gefühlen Raum und Luft gibt, aber dann mit Ansage, damit der andere damit umgehen kann. „Entschuldige, ich muss mich kurz mal bei dir aussprechen. Das war alles viel in letzter Zeit.“
Nehmt Hilfe von außen in Anspruch
Oft denkt man, man müsste alles als Paar bestehen. Ohne Hilfe von außen. Um niemand anderen noch zu belasten. Das ist im Falle einer schweren Krankheit aber nicht zu empfehlen. Weil die Last dann nur auf zwei Schultern liegt, statt auf mehrere Menschen verteilt, die ebenfalls Kraft und Hilfe anbieten können.
Zudem ist auch professionelle Hilfe ein guter, ergänzender Weg, sei es bei Beratungsstellen, wo man mit geschulten Fachkräften sprechen kann oder in Selbsthilfegruppen. Gerade letztere sind oft ein wichtiger Schritt, weil hier Menschen sind, denen es ähnlich geht. Sowohl Menschen mit einer ähnlichen Erkrankung, aber auch Angehörige von Betroffenen, die sich hier über ihre Situation austauschen können. Fragt im Zweifelsfall bei eurem Arzt oder eurer Ärztin nach passenden Angeboten in eurer Nähe.
Egal, ob ihr die schwere Zeit der Erkrankung mit einander durchsteht und daraus gestärkt als Paar hervorgeht oder ob ihr euch nach dieser schweren Prüfung dafür entscheidet, getrennte Wege zu gehen: Gemeinsam durch diese Zeit zu gehen, ist erstmal das Wichtigste.
Linktipps zum Thema:
-> bildderfrau.de: Themenspecial – Kommunikation bei schweren und chronischen Erkrankungen
-> Gesundheitsportal onmeda.de: Die richtigen Worte finden bei schweren Erkrankungen
-> Selbsthilfegruppe finden in deiner Nähe (NRW)
-> NAKOS (Nationale Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe)
-> Selbsthilfenetz
