Die amerikanische Autorin Peggy Orenstein hat drei Jahre damit verbracht, mit Mädchen und jungen Frauen zwischen 15 und 20 Jahren über Sex zu reden, über ihre Einstellung und ihre Erfahrungen.
Was ihr vor allem auffiel: Viele junge Frauen haben Sex, aber das heißt nicht automatisch, dass sie ihn genießen. Viele Frauen lassen Sex eher geschehen, als dass sie ihre Wünsche und Bedürfnisse äußern.
Das beginne damit, so die Autorin, dass Jugendliche Oralsex als weniger intim als normalen Sex ansehen. So sagte ein Collegeschüler zu Orenstein: „Wenn ein Mädchen am Ende eines Dates keinen Sex mit ihrem Datingpartner haben möchte, aber ihn auch nicht vor den Kopf stoßen will, gibt sie ihm einen Blowjob.“
Sowieso ginge es beim Oralsex fast immer nur um das Vergnügen der Männer, so Orenstein. Viele Frauen verzichteten auf ihren Spaß zu Gunsten des Mannes, weil sie sich selbst nicht wohl dabei fühlten, sich so offen ihrem Partner zu zeigen und Angst hatten, der Partner könne sich ekeln.
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Schön nur für den Partner?
Auch die Tatsache, dass sich 3/4 aller Frauen einer Intimrasur unterziehen und dabei sagen, dass es ihre freie Entscheidung sei, hinterfragt Orenstein. Oftmals gehe es nämlich eher darum, dass Männer es unangenehm finden, wenn die Intimbehaarung beim Oralsex störe.
So sehe es auch mit der immer weiter verbreiteten Schamlippenkorrektur aus. Laut der Deutschen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie haben in der Altersgruppe der 18- bis über 80-Jährigen 6 Prozent einen intimchirurgischen Eingriff vorgenommen. Bei den 18- bis 30-Jährigen beträgt der Anteil sogar 11,8 Prozent.
Frauen riskieren hier Schmerz, weniger Sensibilität und Entzündungen, nur um einem vermeintlichen Schönheitsideal näher zu kommen, so Orenstein.
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Erwartungen an Sex: So unterschiedlich denken junge Frauen und Männer
Die Autorin ruft deshalb dazu auf endlich den „Orgasm Gap“ zu schließen, also die Diskrepanz zwischen dem Spaß, den Männer beim Sex erfahren und dem, was heterosexuelle Frauen in der Regel an Genuss haben. Denn es ist kein Geheimnis, dass die Orgasmusquote bei heterosexuellen Frauen deutlich niedriger ist als bei Männern.
Das hat mehrere Gründe, hat aber auch durchaus etwas mit der Einstellung zum Sex an sich zu tun. Erwarte ich von meinem Partner oder meiner Partnerin, dass er*sie mich glücklich macht und ich auf meine Kosten komme? Erwarte ich, dass auch mein Vergnügen im Fokus steht? Und genau hier liegt das Problem.
Bei ihren Umfragen fand Orenstein heraus, dass viele junge Frauen Sex schon als gut erachten, wenn sie dabei keine Schmerzen haben. Und für viele junge Frauen ist Sex schon gut und erfüllend, wenn sie sich ihrem Partner nah fühlen und er einen Orgasmus hat. Ganz anders die Männer: Sie beurteilen guten Sex eher danach, ob sie selbst einen Orgasmus hatten oder nicht.
Und danach befragt, was denn schlechter Sex sei, benutzten die meisten junge Frauen Worte wie Schmerz, beschämend, deprimierend, erniedrigend. Junge Männer benutzten diese Art Wörter nie in ihren Antworten.
By the way: In gleichgeschlechtlichen Beziehungen gibt es keinen Orgasm Gap.
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Schambehafteter Umgang mit dem eigenen Körper schon im Kindesalter
Vieles davon hat seinen Ursprung in unserer Erziehung. Während kleine Jungs stolz ihren Penis zeigen und vergleichen, lernen Mädchen, dass „das da unten“ schamhaft verhüllt sein muss und man sich nicht „da“ anfasst.
Auch sind die Bezeichnungen schon vielsagend: Schamlippen, Schamhügel, Schamhaare. All das hat natürlich auch eine Auswirkung auf das Verhältnis zum eigenen Körper und der eigenen Sexualität. Es bleibt irgendwie immer etwas schambehaftet.
Und dann kämen die Mädchen irgendwann in die Schule, so Orenstein, und lernen, dass Jungs Erektionen und Ejakulationen haben und sie selbst die Periode und ungewollte Schwangerschaften. Und so kommen sie dann in ihre erste Beziehung. Wie sollen sie da ihre Wünsche, ihre Grenzen und Bedürfnisse äußern können?
Hier das Originalvideo: Peggy Orenstein – What young women believe about their own sexual pleasure.
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Anders aufklären
Die Lösung, so Orenstein: Wir müssen mit unseren Kindern insbesondere den Mädchen früh über ihren Körper, Sexualität, gegenseitiges Vertrauen und Intimität reden. Das Thema sollte möglichst normal und natürlich angesprochen werden. Allein, dass es vielen jungen Frauen irgendwann wichtig ist, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren, manchmal egal wie, sei doch schon traurig, so die Autorin.
Und dann berichtet Orenstein von einer Begegnung mit zwei jungen Frauen. Die heterosexuelle Frau sagte, dass sie nach dem ersten Sex keine Jungfrau mehr gewesen sei, und dass sie dieses Erlebnis mit Schmerz und Blut und ohne Orgasmus erlebt habe.
Daraufhin sagte eine junge lesbische Frau auf die gleiche Frage, ab wann sie keine Jungfrau mehr gewesen sei: „Ich weiß es nicht. Ich habe es gegoogelt. Und Google wusste keine Antwort. Deshalb stand für mich fest: Mit meinem ersten Orgasmus war ich keine Jungfrau mehr.“ Und das ist doch wahrlich eine viel schönere Definition, oder?
Sexualität ist etwas Schönes. Und das muss man den jungen Mädchen und Frauen auch vermitteln. Es ist kein Wettbewerb, nichts Beschämendes, Ekliges oder Erniedrigendes. Es sollte geprägt sein von Vertrauen zueinander, von Intimität und Wohlfühlen.
Eltern sollten mit ihren Töchtern nicht nur über ungewollte Schwangerschaften, Verhütung, sexuelle Übergriffe, Geschlechtskrankheiten und falsche Partner sprechen, auch wenn das alles ohne Zweifel sehr wichtige Themen sind.
Aber sie sollten neben all diesen eher negativen Themen auch darüber sprechen, dass Frauen egal in welchem Alter das Recht haben, Nein zu sagen, dass sie das Recht haben, Spaß zu haben und ihre Sexualität zu genießen und dass sie das Recht haben, in ihrem Tempo ihre Sexualität zu entdecken und auszuleben. Sie haben das Recht, viel selbstbewusster und selbstbestimmter in das Abenteuer Sexualität zu starten.
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